Filmfest München 2009

open-road_szene.jpgFünf Filme schaue ich mir dieses Jahr beim Filmfest München an. Hier mal kurz meine Kritiken. Gestern habe ich zunächst mal “The Open Road” gesehen, angeblich in einer Weltpremiere. Darin saust Sohnemann Justin Timberlake los, um seinen abspenstigen Vater Jeff Bridges ans Krankenbett der Mutter zu lotsen. Der wehrt sich nach allen Regeln der Kunst, und so wird der Road Trip von Ohio nach Texas zur Gratwanderung. Es geht um die Gefühle zwischen Vater und Sohn, um die eventuell vererbte Bindungsangst und natürlich um eine gescheiterte Beziehung von Vater und Mutter. Insgesamt habe ich einige Male gelacht, einmal geheult und finde dennoch, der Film hat einige Längen. Zuckersüß übrigens die Darstellerin von Timberlakes Freundin, Kate Mara. Die junge Julia Roberts. Produziert wurde der Streifen mit dem dauernuschelnden Bridges von Wim Wenders.

bomber_szene.jpg_11052009165058Zweiter Film war ebenfalls gestern Abend, “Bomber“, das abendfüllende Debüt des britischen Regisseurs Paul Cotter. Darin geht es um einen alten Mann, der als 19-Jähriger versehentlich ein norddeutsches Dorf bombardierte – im Zweiten Weltkrieg. Mit seiner Frau und seinem bockigen Sohn fährt er noch einmal in dieses Dorf, um sich dort zu entschuldigen. Die Europapremiere des Films war ausverkauft, was den anwesenden Regisseur mitsamt seiner Crew (zumindest zum Teil waren sie da) besonders freute. Er erzählte in der anschließenden Diskussion, dass das Team aus gerade mal sieben Menschen bestand und man auf zwei Bauernhöfen in Norddeutschland lebte, während 28 Tage gedreht wurde. Die drei Darsteller mussten sich selbst schminken und versorgen, da war nichts mit Assistenten und Catering. Einige Tabus werden hier durchaus gebrochen: Alte Menschen sprechen über Sex, und der knorrige Hauptdarsteller schleudert seiner Filmfrau einiges an den Kopf, was ihn alles andere als liebenswürdig erscheinen lässt. Ganz besonders an diesem Film: Die Deutschen sind sehr genau beobachtet, und die Sichtweise auf den Zweiten Weltkrieg ist neu. Amüsant und dennoch nachdenklich. Übrigens: Neben mir saßen Schwiegereltern und Eltern des Regisseurs – ein Familienerlebnis. Daumen drücken, dass dieser kleine, feine Film hierzulande ins Kino kommt.

moon_szene.jpg_14052009155843Der dritte meiner fünf Filme war gerade “Moon” von Duncan Jones, Erstlings-Abendfüllend-Regisseur und Sohnemann von David Bowie. Er war auch persönlich anwesend und plauderte nach dem Film über die Dreharbeiten. Sehr sympathisch. Anyway – es geht um Sam. Sam in der Zukunft. Der ist auf dem Mond mutterseelenallein und soll dort Helium abbauen, als Energieressource für die Erde. Drei Jahre lang ist er dort oben – dann darf er endlich wieder nach Hause zu Frau und Töchterchen. Oder doch nicht? Ein bedrückendes Szenario, zumal Sam Rockwell den ganzen Film mehr oder weniger alleine trägt. Mutig. Fünf Millionen Dollar hat das kleine Science-Fiction-Abenteuer gekostet, auf dem Sundance-Festival feierte es seine Premiere. Ich finde: Es kann sich sehen lassen. Und eine mehr als reife Leistung von Rockwell. Falls Ihr in München seid: Dienstag, 30. Juni, 22 Uhr, CinemaxX 2. Da gibt’s die Wiederholung.

five-minutes_szene.jpg_07062009210355Nummer vier: “Five Minutes of Heaven” mit Liam Neeson. Alles beginnt mitten in den Siebzigern, als ein 17-Jähriger in Nordirland einen Katholiken erschießt. Zeuge ist ein kleiner Junge – der Bruder des Ermordeten. Über 30 Jahre später treffen sich der Mörder und der kleine Junge wieder. Liam Neeson spielt den Mann, der für zwölf Jahre in den Knast wanderte für seine Tat und im Grunde genommen sein Leben verhunzt hat durch die Tat. Regisseur Oliver Hirschbiegel hat es geschafft, einen für uns vergessenen oder eher verdrängten Konflikt hier mitten in Europa wieder ans Tageslicht zu holen und die Ereignisse von damals mit den Ereignissen von heute zu vergleichen. Der Appell des Mörders: Sorgt dafür, dass die Kinder und jungen Männer gar nicht erst in terroristische Vereinigungen eintreten. Dass ihnen die Hirnwäsche erspart bleibt und der Glaube daran, Morden sei etwas Gutes. Etwas Ehrenvolles. Ein emotionaler Film mit genau dem richtigen Ende. Chapeau dafür. Ab 21. September 2009 gibt es diesen Film auf DVD (hier bei Amazon).

Five Dollars A DayUnd als letztes war ich gerade in “$5 a Day” mit Christopher Walken und Alessandro Nivola. Es geht um Vater und Sohn. Sie haben sich viele Jahre nicht gesehen, weil Sohnemann in den Knast wanderte – für eine Tat die sein Vater beging. Der Groll ist dementsprechend groß. Nun aber ist der Vater todkrank und will von seinem Sohn durch die Lande chauffiert werden zu einer alternativen Therapiemöglichkeit. Auf dem Weg lernen sich beide wieder näherzukommen und wissen bald, was sie aneinander haben. Christopher Walken trägt den Film mühelos auf seinen Schultern, er ist ein Lebenskünstler, der mit fünf Dollar am Tag auskommt, weil er ein Meister darin geworden ist, Gutscheine zu sammeln, Radiogewinnspiele zu gewinnen und immer wieder durch kleine Gaunereien ein bißchen Geld zu sparen.

Mein Fazit des Filmfestes 2009: Wieso gibt es das nicht das ganze Jahr? Ich hatte das Gefühl als nähme mich ein Kinogott an die Hand und sagte: Da, das schau Dir an. Ausnahmslos gute Filme, ohne Werbung gezeigt in wunderbaren Kinosälen (wenn ich auch generell kein Freund des MaxX bin und es wohl auch nicht mehr werde, solange es nur 0,7l Wasser gibt). Dazu oft Gespräche mit den Machern, die das Gefühl von Exklusivität vermitteln – als wäre man eben dabei gewesen. Schade nur, dass die meisten der gezeigten Filme wohl nie regulär in deutschen Kinos auftauchen werden. Shame on you, Verleiher! Meine Publikumspreis-Karte habe ich “Bomber” gegeben – er hat es verdient, als kleiner Independent-Film. Meine Rangliste? Schwer zu sagen. Ich glaube: 1. $5 a Day, 2. Bomber, 3. Moon, 4. Five Minutes of Heaven, 5. The Open Road. Und erst jetzt fällt mir auf, dass fast alles Roadmovies waren und Vater-Sohn-Geschichten waren auch überrepräsentiert. Anyway – eine wunderbare Woche.

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