Das ganze Leben ist eine To-Do-Liste

Sind wir eigentlich komplett übergeschnappt? Ich rede jetzt mal von “wir”, damit ich mich nicht wie ein einsamer Loser fühle. Und weil ich ziemlich sicher bin, dass Ihr das gerade genauso verbockt wie ich. Also: Ich fühle mich ständig unter Druck. Und zwar, weil ich noch so viel zu tun habe. Ich will nicht jammern, ich möchte auch viel zu tun haben, denn Langeweile hat mich als Kind schon genervt. Es geht vielmehr um das richtige Maß, wie so oft.
Jedenfalls ist mir letztens aufgefallen, dass in meiner wunderbaren elektronischen (auf allen denkbaren Geräten synchronisierten) To-Do-Liste so um die 200 Dinge standen. Und deswegen habe ich sie oft aufgemacht, mir gedacht: “Das schaffste jetzt eh nicht”, sie wieder ausgeschaltet und dann bei Facebook meine Zeit verschleudert. Bis mir aufgefallen ist, dass diese blöde To-Do-Liste überhaupt keine To-Do’s enthält. Oder zumindest nur wenige. Sie fungiert nämlich mehr als Merkzettel. “Nachschauen, ob Band XY eine neue CD gemacht hat”, “Buch XY kaufen von Autor Z”, “Kontaktlinsen-Kontrolltermin ausmachen” und so weiter. Nichts davon wirklich wichtig. Also habe ich all diese Dinge in eine andere Liste geschaufelt, und siehe da – ich fühle mich befreit. Denn jetzt sehe ich auf einen Blick, was wirklich wichtig und zu tun ist.
Für ungefähr 2 Wochen. Dann merke ich: Das Problem liegt viel tiefer in mir vergraben. Ich fühle mich nämlich immer noch gehetzt und so, als müsste ich etwas “abarbeiten”. Und als ich mir endlich mal die Zeit nehme, darüber nachzudenken, wird es ganz schnell klar: Mein Leben ist eine To-Do-Liste!
Das erstreckt sich auf alle möglichen Bereiche. Nicht nur auf E-Mail-Postfächer, die überquillen. Sondern vor allem auf die Bereiche, die eigentlich Spaß machen sollten. In meinem Kopf heißt es nicht: “Wie schön, ich habe noch 30 verschiedene Filme auf DVD, die ich mir ansehen kann”, sondern da donnert es: “Ich muss noch diese 30 Filme anschauen, wann soll ich das nur machen?”. Genauso ist es mit Musik – ich habe ungefähr 300 ungehörte (legal gekaufte) Titel in meiner iTunes-Bibliothek. Die landen in einer Wiedergabeliste und müssen “abgehört” werden, um meine gelegentlichen Hamsterkäufe zu rechtfertigen. Ich habe 87 ungehörte Podcast-Episoden auf dem iPod. 230 ungelesene Stories in “Pocket” auf dem iPad. Mein RSS-Reader platzt aus allen Nähten. Mein Kindle wartet ebenso auf meine Aufmerksamkeit wie meine externe Festplatte mit TV-Serien. Alles noch “zu tun”. Oder Bücher: Der Stapel neben dem Bett muss auch noch erledigt werden… Bin ich denn irre?
Letzten Endes gibt es einfach zu viel von allem. Zu viel Musik, zu viel Fernsehen, zu viele Blogs, zu viele Podcasts. Und zu wenig Mut, eine Lücke zu lassen. Dinge nicht zu hören, nicht zu sehen, nicht zu lesen. Und sich trotzdem gut zu fühlen. Ich muss einfach lernen, dass diese Art der Inbox niemals bei “0″ stehen wird – und dass das durchaus etwas Gutes ist.

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5 Reaktionen zu “Das ganze Leben ist eine To-Do-Liste”

  1. 1 Ruben

    Stell dir Mal vor du könntest nicht lesen, sehen oder hören… So betrachtet ist deine To DO LIST ein Geschenk und ein Vergnügen oder? :)
    Ich gehe meine TO DO LIST “erledigen” – anfangen
    LG

  2. 2 Ascari

    Ich hab in dem Zusammenhang von einer Arbeitskollegin ein paar weise Worte gehört: Man soll immer sagen “Ich will” und nicht “Ich muss”, weil letzteres wesentlich mehr Stress erzeugt… Sicher gibt es Dinge, um die man nicht herumkommt sie zu erledigen, aber man kann in diesen Fällen trotzdem selbst bestimmen, wann man sie macht.

  3. 3 Schlaflos in München – der Podcast mit Annik Rubens » Blog Archiv » Ich habe das Denken verlernt

    [...] bin zwar produktiv, ich bin gut organisiert mit meinen To-Do-Listen, ich pflege meine sozialen Kontakte und kriege das alles ganz gut auf die Reihe – aber mein [...]

  4. 4 Maria

    vielleicht hast du ja folgenden titel in deiner itunes-bib:

    tim bendzko-ich muss noch schnell die welt retten

    viele liebe grüße!

  5. 5 Mike Ellwood

    Man kann die Liste in 4 Kategorien teilen:

    1. Wichtig und dringend

    2. Wichtig und nicht dringend

    3. Dringend aber nicht wichtig

    4. Nicht wichtig und nicht dringend.

    3. und 4 können naturlich sofort weggeworfen werden.

    Mit 2, wenn sie wirklich wichtig sind, kommen sie dann wieder später zurück, deshalb werf sie heute weg!

    Lässt sich nur Teil 1. zu tun!

    :-)

    Liebe Grüße,
    Mike

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